Bon Odori

Was für ein interessanter Tag heute!

chronologisch hab ich verpennt, dann getrödelt und bin dann etwas unwillig beim Nihongo Club der alten Damen eingetroffen. Die Gesprächsrunde wurde aber alles andere als anstrengend, wie meine Befürchtung war, sondern ziemlich erquicklich. Im Japanischen gibt es (mind.) zwei Vokabeln für Aufklärung, wobei eine davon „monarchische Aufklärung“ bedeutet, was ich noch nicht verstehe. Ich habe Frau Tsuji verraten, dass ich bei den Architekten praktiziere und hoffe, sie verpfeift mich nicht. Mein Yukata wurde begutachtet und akzeptiert, außerdem konnte ich mir gleich ansehen, wie man die Teile ordentlich zusammenfaltet (tatamu). Kopfseite nach links! Gelernt hab ich auch, dass der Paulownia-baum ähnliche Holzeigenschaften hat wie die Eiche, aber leicht ist. Aus diesem Holz waren früher die Kimonotruhen (tansu) mit einem Standartmaß von 90cm Breite, die sich aus der Faltenlegung der Kimono ergibt. Genaugenommen gab es früher keine Falten, weil man beim Zusammenlegen ein spezielles Papier in den Stoff miteingelegt hat, dass dem Knittern vorbeugt.

Nun, in der Pause zwischen dem Nihongo Club und dem geplanten Treffen am Abend wollte ich das Nerimamuseum besuchen. Da ich die Kamera vorsorglich schon mitgenommen hatte, nutzte ich die Gelegenheit und fotografierte in dem alten Krankenhausgebäude, dass so zugerümpelt und vernachlässigt aussieht, dass es gar nichts japanisches, dagegen viel russisches an sich hat. Ein paar interessante Bilder sind glaub ich dabei, und ein paar prototypische Klassenzimmer.

Bis zum Museum war es ein gutes Stück Fahrt, ich aß auch noch zu Mittag in einem billigen Laden, wo man die Speise zuvor am Automaten wählt und bezahlt. Als eine Angestellte den Automaten zwischendurch leerte, dachte ich unentwegt daran sie auszurauben. Außerdem dachte ich daran, dass alle anderen bestimmt dasselbe denken. Ich versuchte ihnen in die Köpfe zu gucken und zumindest zeigte keine Miene das Gegenteil. Auch die Angestellte selbst war mitten in  diesen Überlegungen, denn sie hatte ein überaus entschlossenes und selbstsicheres Gesicht mit einem kräftigen Lächeln aufgesetzt.

Die Ausstellung des Museums war gut und überraschend reichhaltig. Die Einzelausstellung zu Funada Gyokuju füllte 4 oder 5 Säle und darunter waren viele sehr gute Werke. Am beeindruckedsten waren sicherlich die großen Stellschirme. Der Mensch muss Farben sehr geliebt haben. Der pinke  Blütenbaum von 1938 wirkt fast wie ein Versehen, weil Funada diesen Farbknall auch lange nicht wiederholt. Aber es findet sich wieder, in dem Roten Nebelmeer und in den neongrünen Farnpalmwedeln, wo mir die Zeichnung so sehr gefiel. (In dieser Farbe.) Dasselbe gilt für die allerdings schwarzen Bilder vom Bambushain und die Kiefern. Die Wandschirme von der Kiefer sind wirklich toll. Auch die Geschichte vom Kappa mit der Pfütze auf dem Kopf würde ich gern nochmal recherchieren, um sie zu verstehen. Das Bild, was ich mir zum Einprägen genauer ansah, war jedenfalls das, wo der Held mit seinem Insektenfreund unterm Mond Sake trinkt.

In der Ausstellung waren einige komische Leute. Vielleicht drei Männer, aber der letzte war nicht eindeutig zu indentifiziren. Er oder sie hatte ein sehr enges ärmelloses Shirt an und einen glitzernden Minirock, dazu wadenlange Socken in Sandalen und ein Basecap? Von der Gestalt her kein eindeutiges Profil, da wenig Brust aber ein vorgewölbter Bauch, die Beine eher weiblich. Irgendwo ist meine Beobachtung also fehlerhaft, ich wollte aber nicht so genau hinsehen. Der Zweite klapperte auf tapegeflickten Geta durch die Räume und sah mit dem Handtuch um den Hals und der Cargohose aus, als käme er grade von einer Baustelle. Der dritte schließlich machte einen intellektuellen Eindruck, eindrücklich vor allem war aber seine Laufweise. Der Mann fiel mir zunächst durch den Klang auf, den seine Schritte verursachten. Er hatte offensichtlich Schwierigkeiten beim Gehen oder mit der Balance. Jedenfalls tippelte er mit Minischritten geradeaus und haschte dabei über den Teppich. Er lief nur schnurgeradeaus und wenn er vor einem Bild stehenblieb, wendete er sich zum Weitergehen in einem rechten Winkel um und setzte zum Gehen an. Ich beobachtete seine Technik genauer, denn das Ratschen über den Fußboden war nicht gleichmäßig. Nur beim Losgehen, offenbar um in Gang zu kommen, machte der Mann einige kurze, schnelle und flache Tippelschritte, um dann in einem Wankelschritt, ohne die Knie zu beugen, einen freien Raum vergleichsweise sicher überqueren konnte. Die abrupten Stops und rechtwinklingen Drehungen, dazu die ungewöhnlichen Schrittgeräusche verliehen dieser Gangart soviel Wirkung, dass ich sie unwillkürlich etwas ausprobieren musste.

Die Zeit nach dem Museumsbesuch und vor dem Bon-Odori verbrachte ich im Kaffee mit der Übersetzung meines Imaritexts. Ein paar Sätze hab ich verstanden, allerdings nur vage übersetzt.

Ich freute mich nicht besonders auf das Matsuri sondern dachte an Arita und wie herrlich dort alles war und wie künstlich und unnatürlich die Feste in Tokyo sind. Ich formulierte im Kopf schon die Zeilen für den Blog, etwa derart, dass ein Besuch eines traditionellen Festes etwa so interessant ist wie wenn man als Ausländer nach Deutschland käme und die Chance hätte, beim Löbnitzer Adventsmarkt dabei zu sein. Allerdings kam es GANZ anders.

Zunächst mal wurde ich in Windeseile in meinen Yukata gebunden, eine alte Dame vorn und eine hinten. Mir blieb plötzlich die Luft weg, als die winzige Alte mit einemmal ihr Knie in meinen Rücken stemmte und den Obi festzerrte. Aber eng ist gut und ich mag das Gefühl eines Stützgurts um den Bauch. Ich bekam einen Fächer in die Hand gedrückt und schon eilten wir hinaus auf den Hof, den Vorplatz des Tempels. In der Mitte war eine Art Hochstand aufgebaut, wo ein Trommler zu der lauten Pfeifenmusik und dem Gesang aus den Lautsprechern die Taiko schlug. Darum herum tanzten die Festgäste im Kreis den Odori und nach kurzem Zögern war ich mit in der Runde und versuchte, die Bewegungen nachzumachen. Das war nicht ganz so einfach, aber es machte viel Spaß und mein lachendes Gesicht wurde glaub ich ein paar mal fotografiert. Überhaupt schien meine Erscheinung eher Freude als Spott auszulösen. Durch das Getümmel wehte mit der Musik ein Geist, wie lässt er sich nennen, ein Spirit der Unerwartung vielleicht. Ich bekam viele Gaben an diesem Abend, ein Frau zog mich am Ärmel, als die Geisha-San nach ihren feinen Tänzen Tücher zwischen die Gäste warfen. Ich fing dreimal, aber verteilte zwei Tücher an meine Nachbarinnen. Beim letzten Tanz steckte mir eine Dame im Vorbeigehen einen Umschlag mit einem Geschenk in den Ärmel. Außerdem gabs eine Packung Kekse, weil ich bei der Tombola nichts gewonnen hatte. Den Tombolaschein hatte ich allerdings auch bloß erhalten, weil ich beim Fotografieren mit den Geisha-San den Anschluss verpasst hatte und versehentlich nach draußen gelaufen war. Zum Glück gibt es auch noch ein Bild mit den anderen gemeinsam, das ist eine schöne Erinnerung.

Beim Nachhausefahren verursachte meine Erscheinung noch ein paar heitere Gesichter, insgesamt aber wurde ich in der U-Bahn nicht gerade angeguckt, wie ich befürchtet hatte. Ich freute mich, nachhause zu kommen und mich den Mädels zu zeigen. Und diesen Bericht zu schreiben. Besten Gruß.

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