kollektive selbstvereierung

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Auch wenn das Blog-Format dazu einlädt, fühle ich mich leider nicht in der Lage, informierte Berichte über die politische Lage in Japan zu verfassen. Trotzdem stoße ich hier auf ein paar denkwürdige Details, die einige von Euch bestimmt interessieren und die ich aus diesem Grund verbreiten möchte. Ohne zusammenhängende Kenntnisse und in Ermangelung ausführlicher Recherchen überlasse ich es also jedem selbst,  die von mir geschilderten Phänomene in einen komplexeren politischen Kontext einzuordnen. Der Kontext, auf den ich abziele, lautet in seiner einfachen Formulierung „die Militarisierung Japans“. Eine erste konkrete Begegnung mit dieser Entwicklung konnte ich während der Zeit an der Keio Uni in einem Seminar zur Außenpolitik Japans machen. Der Dozent, ein ehemaliger Botschafter, sprach unentwegt von der bedrohlichen Lage, in der Japan sich befände und wie wenig gesichert das Land im Falle einer Invasion (unausgesprochen: China) wäre (unausgesprochen: und deshalb aktiv aufrüsten müsse). Ich kann mich in dieses Bedrohungsszenario angesichts der wirtschaftlichen Verflechtungen nicht hineindenken, es kommt mir vor wie Paranoia. Aber was die Gründe für die Forderung nach militärischer Streitkraft auch sein mögen, Fakt ist, dass der politische Kurs auf eine „Neuinterpretation“ des Pazifismus-Artikels der Verfassung gerichtet ist.

Einleuchtend finde ich dabei auch, dass aktuelle Ereignisse wie die pro-aktive Wiedereinsetzung des „Rechtes auf kollektive Selbstverteidigung“, die Anfang Juli beschlossen wurde, weniger als Kehrtwende von Japans Friedensdoktrin zu sehen sind, als vielmehr Markierungen innerhalb des Prozesses einer steten Re-Militarisierung seit Ende des 2. Weltkrieges. Der Regierungsbeschluss von Juli, der Japan nun eine aktivere Rolle innerhalb militärischer Aktionen von Bündnispartnern legitimiert, gleicht also eher die politische Rhetorik an die gängige Praxis an, als umgekehrt.

Zu dieser Interpretation ist Dirk Nabers bereits 2006 gekommen, als der derzeitige Premierminister von Japan, Abe Shinzo, das erste Mal die Regierung führte. Schon damals hatte Abe mit Regierungsantritt deutlich gemacht, eine Verfassungsänderung anzustreben, damit Japans Selbstverteidigungsstreitkräfte ihren streitbaren Teil aktiver ausüben können. Für mich klingt Nabers‘ Resumee von 2006 irgendwie schlau:

„Es scheint sich in Japan langsam aber sicher eine breite Koalition für einen offiziellen verteidigungspolitischen Wechsel anzubahnen. Ein starkes Fundament der japanischen Nachkriegsidentität ginge mit einem solchen Wechsel verloren, Japan gewänne an Glaubwürdigkeit. Wer der japanischen Außen- und Sicherheitspolitik vor diesem Hintergrund einen neuen Militarismus andichten möchte, verkennt daher die Realitäten.“ (60)

http://www.giga-hamburg.de/sites/default/files/openaccess/japanaktuell/2006_6/giga_jaa_2006_6_nabers.pdf

siehe außerdem bei Interesse:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/japans-regierung-plant-groessere-rolle-des-militaers-a-978456.html

Ein anderes Mal bin ich beim Lesen für eine Hausarbeit auf die These gestoßen, dass das positiv gestärkte Image der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte (jieitai) vielleicht die bedeutendste politische Folge der Mehrfachkatastrophe von Tsunami und Reaktorunglück 2011 darstellt. In „3.11. Disaster and Change in Japan“ (Cornell University Press, 2013) analysiert Richard J. Samuels die erwarteten und tatsächlichen politischen Reaktionen auf die Krisensituation und kommt zu dem Ergebnis, dass zwar mehr oder weniger der gewohnte Gang das Mittel der Wahl ist, aber im Fall der Jieitai sich echte Chancen zu einer offiziellen Re-Militarisierung der verkappten Armee aufgetan haben.

In diesen Zusammenhang von Werbetrommel und Imagepolitur gehören die zwei Videos, die Bun Chan und ich letztens im DVD-Verleih entdeckten:


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Die Klappentexte dieser frisch erschienenen Filmwerke sind so frappant, dass ich sie kommentarlos übersetze:

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Jetzt wird die kühle Schönheit derer, die das Land bewachen, der jungen Frauen der Meeres-Selbstverteidigungseinheit deutlich offenbar!!

Hier wird die wahre Gestalt der auf dem Meer aktiven Frauen-Selbstverteidigungseinheit aus verschiedenen Blickwinkeln eingefangen und deren menschlicher Reiz vorgeführt. Die Bildaufnahmen zeigen das Musiktrio-Corps wunderschöner Frauen; mit dem Fokus auf die Truppenmitgliederinnen, die landesweit als „Miss Basisstützpunkt“ auserwählt wurden, wird die Figur des charmanten Corps umzeichnet. Bilder von der Arbeitsweise und dem Drill sowie von der Aufmachung in Uniformen. Darüber hinaus gibt es, wenn die Uniformen an Ruhetagen ausgezogen werden, die unverhüllte …….. Dokumentation und enge Berührungen, so dass diese DVD als historisch einmalige Fantasie-Dokumentation der weiblichen Marine-Selbstverteidigungsstreitkräfte auch für den männlichen Fetischismus etwas zu bieten hat!

Point

  • Vollständige Wiedergabe des Musik-Corps bestehend aus einem Trio wunderschöner Frauen, die Japan und die Welt bezaubern
  • Bislang völlig ungesehene Geheimnisse + Schönheiten
  • Einschließlich aller möglicher Arten von Uniformen
  • Private Shots, die von natürlichem Lächeln überströmen
  • Aufnahmen in Stützpunkten des ganzen Landes
  • Szenerie und Atmosphäre des wertvollen Dienstes

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Jetzt wird die männliche Stärke der „Samurai des Meeres“, die das Land bewachen; jetzt wird das Profil der Meeres-Selbstverteidigungseinheit deutlich offenbar!!

Hier wird die Gestalt der auf dem Meer aktiven Dienst leistenden Selbstverteidigungsstreitkräfte so wiedergegeben, wie sie wirklich ist und dabei der menschliche Charme übermittelt. Während die Dokumentation das Bild der schwarzen Uniformen, die sich im blauen Meer spiegeln und die harten Gesichter während des Drills zeigt, haben die Aufnahmen am Pool etwas Doppeldeutiges an sich. Die lächelnden Gesichter der Gefährten, die im Show Room rumalbern, ihre „Entschlossenheit“ und ihre „Gesinnung“, das Land zu bewachen sowie der Stolz auf die „Geliebte Maschine“ …….. erscheinen hier als Dokumentation und direkter Kontakt zugleich, kommen somit dem Fetischismus weiblicher Zuschauerinnen entgegen. Diese historisch einmalige Fantasie-Dokumentation der Meeres-Selbstverteidigungseinheiten bzw. der männlichen Truppen schafft Fans!!

Point

  • Schönheit gestählter, muskulöser Körper
  • Einschließlich aller möglicher Arten von Uniformen
  • Aufnahmen in Stützpunkten des ganzen Landes
  • Szenerie und Atmosphäre des wertvollen Dienstes
  • Private Shots, die von natürlichem Lächeln überströmen
  • von Fans begehrte Filmaufnahmen an Bord des Kriegsschiffes

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Den Fotos zufolge sind die Filme als eine vollständige Sammlung bürgerlich-kriegsverherrlichender Stereotypen lehrbuchhaft. Bun Chan hatte trotzdem keine Lust, sie sich anzusehen, Bild-Theorie hin oder her.. Dass aber das Offensichtliche unbekümmert ausgesprochen wird, wie etwa die zuvorkommende Berücksichtigung erotischer Interessen an Uniformträgern, ist fast schon wieder sympathisch.

Während ich an diesem Artikel sitze, kommen im Radio Ansprachen zum Jahrestag an die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, was hier ganz in der Nähe liegt. Außerdem kommt Miki, bei der ich gerade wohne, nach Hause und verwickelt mich in ein Gespräch über Politik. Sie trägt mir auf, über die historische Aufarbeitung der Thematik der sogenannten „Trostfrauen“ zu berichten. Die organisierte (Zwangs-)Prostitution vor allem koreanischer und chinesischer Frauen durch die japanische Armee im 2. WK ist seit langem Gegenstand erbitterter Diskussionen, aber nicht unbedingt Gegenstand historischer Aufarbeitung. Dabei ist gerade die Frage, ob die Frauen zur Prostitution gezwungen oder konventionell angeworben und entlohnt wurden, ein Streitpunkt, der bis heute von Bedeutung ist, da er die Frage betrifft, ob hier ein Kriegsverbrechen vorliegt oder nicht. In Japan gibt es nun offenbar neueste Belege, dass sich ein Zwang nicht belegen lässt und somit die international verbreitete Darstellung der Kriegsbordelle als Zwangseinrichtungen die Armee des Kaiserreiches Japan (an dieser Stelle) zu Unrecht beschuldigt. Genaue Untersuchungen werden angeblich von nun aufgenommen.

Ich muss sagen, dass sich für mich die Problematik von Prostitution im Krieg auch dann nicht normalisiert, wenn die Frauen bezahlt wurden. Aber dass zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik, die bis in die Gegenwart die japanisch-koreanischen Beziehungen belastet, neue Forschungen unternommen werden, sehe ich positiv.  Ob man Zwang und Gewaltverbrechen von Notlage und Missbrauch so deutlich trennen kann? Jedenfalls können diese neueren Untersuchungen ja vielleicht dazu beitragen, dass sich zwischen Japan und Korea eine neue, gemeinsam erarbeitete Verständigungsbasis in dieser Thematik herausbildet und die jeweiligen nationalistischen Vorbehalte, ich meine, Sichtweisen des  jeweiligen Landes, daher durch aktuelle Gespräche und nicht bloß überlieferte Interpretationsweisen geprägt werden.

Ich hab nochmal drüber nachgedacht. Der harmoniebedürftige Ausblick war mir eh unbehaglich als Schlusssatz dieses Artikels. Wenn Japans Regierung Aufklärungsarbeit zu diesem Teil der Geschichte fördert, ist das zwar zunächst positiv zu werten. Aber dass der Ausgangspunkt dieses Bestrebens ist, die Misshandlung der Frauen als Berufsrisiko zu klassifizieren und die Verbrechen als legale Geschäftshandlungen zu interpretieren, bietet für Versöhnung und Annäherung wohl keine Grundlage.

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Japan plant im großen Stil Osprey-Flugzeuge zu kaufen, die hier den Beinamen „Witwenmacher“ tragen, da sie so häufig Unfälle verursachen. Ein neuer Flughafen soll in Saga gebaut werden, also in der Präfekturhauptstadt nahe von dem kleinen Winznest, wo ich hier bin.

http://www.washingtonpost.com/news/checkpoint/wp/2014/07/11/ready-or-not-japan-wants-to-buy-the-pentagons-controversial-osprey-aircraft/

http://www.jiji.com/jc/graphics?p=ve_pol_seisaku-anpoboei-beigun20121001j-04-w400

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