Kikka – „Kaiserblumendorf“

land kumamoto

kusa no na mo jijō shinikeri haru no ame

Frühlingsregen fällt, und alles, was da grünt, hat plötzlich seinen Namen.

Haiku von Basho (?) Übersetzung MAY, Ekkehard und Claudia WALTERMANN (1995): Bambusregen. Haiku und Holzschnitte. Frankfurt a. M./Leipzig: Insel Verlag.

 Zum Erzählen braucht es Bewegung, ist mein Eindruck und in meinem Fall außerdem konkrete Adressaten. Ich wurde darauf hingewiesen, dass meinem Blog kaum zu entnehmen ist, wie es mir hier eigentlich geht. Tatsächlich ist es für mich schwierig, meine Empfindungen in allgemeiner Form an ein „Euch“ gerichtet auszudrücken. Ich würde jedem Einzelnen von Euch vermutlich ein bisschen andere Eindrücke und die damit zusammengehörenden Gedanken schildern. Allerdings gibt es auch einen Großteil an Eindrücken, die in Worte gefasst wahrscheinlich überhaupt keinen Erzählwert haben, außer jemand wie Thomas Mann schriebe sie auf. Wenn ich hier das Land erkunde, dann müsste ich eine Menge dessen, was bei mir Staunen hervorruft, etwa so formulieren: „oh was für ein Tiefenkontrast!“ (gesehen: helle Steinleuchte vor einer offenen Garage) oder „so viele Grün! Alles so üppig!“ (Reisfelder und am Horizont die dicht bewaldeten Bergketten) oder „Krasser Beton!“ (trifft auf vieles zu) oder „Tolle Farben! Super Plaste! Mögen die das so gammlig oder stört sich keiner dran? (unvorstellbar…)“ (bei einem Blick auf die außerordentlich spannenden Konglomerate, aus denen sich teilweise Behausungen zusammensetzen. Ein Flickwerk an Wellblechen und Stahlträgern umhaust das gemütliche Heim, das bis zum penibel gekehrten Gehsteig mit einem Sammelsurium an Pflanztöpfen, Bierkisten, Eimern, Gerätschaften und Zeugs umschichtet ist.

Diese Art der Bilder, die sich hier bieten und mir unglaubliches Vergnügen bereiten, versuche ich ja in Fotos einzufangen. Tatsächlich würde ich sagen, dass die üppige Kultur des Ramsches, der sorgfältig gehüteten Alltagsgegenstände, deren öffentlich ausgestellte Sammlung irgendwann in den 90ern vollendet und seitdem nur noch mit Patina überzogen wurde, für mich das Typische meiner Vorstellung von Japan begründet. Man kann für diese Beschreibung auch den häufig angeführten Kontrast von >Alt & Neu< bemühen, aber diese Figur wird auf soviele Phänomene angewendet, dass ich sie nicht stark genug finde, um den visuellen Charakter von japanischen Siedlungsräumen zu treffen. Im Grunde gibt es aber gar keine treffendere Referenz für diese Phrase als ein japanisches Stadtbild, denn hier haben die alten Gegenstände, so wie sie gealtert sind, ihren festen Platz in der alltäglichen Routine der Gegenwart. Natürlich gibt es die auf Vordermann gebrachten Zeugnisse aus früheren Zeiten, so wie die gepflegten alten Holzhäuser, Burgen, Kunstgegenstände etc, die dann in ihrer Funktion als Tourismusmagneten das Alte eher symbolisieren, als tatsächlich zu verkörpern. Was mich hier besonders fasziniert, ist die Beanspruchung von Objekten, deren Nutzungsdauer äußerlich abgelaufen zu sein scheint, aber die offenbar immer noch für gut, sinnvoll oder zumindest nicht als störend empfunden werden. Das kann man Nostalgie oder Verkramktheit nennen, aber für mich hat es tatsächlich etwas mit Respekt zu tun. Jedenfalls kommt es meinem inneren Empfinden von Wertschätzung extrem nahe. Was ich damit meine, sind nun nicht nur die visuell reizvollen, vollpropften Büdchen, Lädchen, Häuserfronten, sondern das können auch die Linienbusse sein, die unverändert seit den 80ern (ich schätze) durch Kumamoto kreuzen, oder ausgeblichene Hinweisschilder, die zwar täglich gereinigt, aber nur wegen kleiner Roststellen noch nicht diskussionslos gegen LED-Acryl-Reklametafeln ausgetauscht werden. Dass allerdings direkt daneben solche Leuchtschilder stehen und nagelneue Reisebusse vorbeirauschen, macht das ganze so reizvoll.

Zum ersten Punkt. Soeben fahre ich mit dem Shinkasen in Hiroshima ein. Der wohlige Zustand des Bahnfahrens ebenso wie die vorbeiziehenden Landschaften machen es nun einfach, von Japan und den letzten 2 Wochen zu erzählen. Abgesehen davon, dass ich mich schon 2 Tage, nachdem ich hier angekommen war, komplett zuhause fühlte, gestaltete sich die Zeit bei Bun Chan in großer Gleichförmigkeit. Ich arbeitete an der Übersetzung einer Handelsgeschichte, nachmittags ging ich spazieren, abends haben Bun Chan und ich jeden Tag ein großartiges Menü zubereitet und zu Ende eines schwülheißen oder verregneten Tages gab es nichts besseres, als ein heißes Bad zu nehmen. Bun Chans Haus ist an eine heiße Quelle angeschlossen, so dass sich die Reste eines ökologischen Schuldbewusstseins in dem Moment auflösen, wo man in die Wanne steigt. Nicht, dass bei mir diesem Alltag langweilig gewesen wäre. Aber es gab irgendwie nichts zu berichten. Für das Studium war der Rückzug in die ländliche Klausur hilfreich und meinem Körper hat die langsame Regelmäßigkeit gut getan. In die Zeit hingestreuselt waren endlos viele Genussmomente: wenn die Sonne nach 10 Tagen Regen durchkommt oder abends schlafen zu gehen, ohne völlig erledigt zu sein und stattdessen noch den Fröschen im Reisfeld oder dem Regen zu lauschen, oder mit einer Tasse Kaffee den Abschluss eines Kapitels zu zelebrieren.

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